Zurück zum Kuriositätenkabinett?

#strangethingschallenge:
religiöse Objekte auf Instagram?

Beitrag von Prof.in Dr.in Bärbel Beinhauer-Köhler zum Thema
#strangethingschallenge: religiöse Objekte auf Instagram?

Das Historische Museum in Speyer hat unter #strangethingschallenge vor einigen Wochen begonnen, auf Instagram „kuriose“ oder „skurrile“ Dinge zu präsentieren. Andere Museen folgen dem Aufruf und zeigen im Netz je fünf Objekte, die aus Sicht der Museumsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter aufmerken lassen. Oft handelt es sich um Luxusgegenstände vergangener Zeiten, deren einstige Wertschätzung ebenso aus dem Blick geraten ist, wie ihre Existenz oder komplizierte Produktion überhaupt: feinste Blumengebinde aus Haaren, lustige tierförmige Trinkgläser, wieder benutzbare Kondome, aber auch Dokumente politischen Widerstands wie Adolf Hitlers Hintern als Nadelkissen. Jedes Bild wird durch eine kurze Erläuterung ergänzt, Instagram-Nutzer können voten, und so erhalten die Museen ein Feedback darüber, was auf Interesse stößt und was nicht. Mit Recht ist damit die Aussicht verbunden, womöglich eine eigene Ausstellung aus den beliebtesten Objekten zu erstellen. Der Wettbewerb erhält durchaus mediale Aufmerksamkeit (etwa stern.de und ein SWR-Beitrag folgert: „Via Social Media Menschen neugierig machen mit skurrilen Bildern, ihnen nebenbei interessante Geschichten erzählen, sie vielleicht über beliebte Stücke abstimmen lassen und sie anschließend in eine echte Ausstellung locken: Genauso funktioniert Museum 2.0.“).

Was bedeutet dies für ein Museum mit Exponaten aus der Welt der Religion, angesichts langjähriger religionswissenschaftlicher und postkolonialer Debatten? Können wir uns unbefangen von Objekten affizieren lassen, die annehmbar mit religiösen Gefühlen belegt sind oder im Zuge kolonialer Zugriffe auf die materielle Kultur Anderer Bestände unserer Museen sind? Und selbst wenn Fachleute nicht darüber schmunzeln, sondern einen Gegenstand durch einen Begleittext in seinem Kontext präsentieren – ist es zu verantworten, dass im Rahmen einer „challenge“ in einem halböffentlichen und letztlich kommerziellen, von Influencern beeinflussten Raum wie Instagram, darüber befunden wird, ob ein solches Objekt nun „kurios“ genug ist oder nicht?

Die Religionswissenschaft pflegt seit Jahrzehnten eine sehr differenzierte Debatte über Zeichen und Symbole, die Gefühle wecken. Wir alle kennen die Wucht, die Muhammad-Karikaturen auslösen können, die für die einen kurios sind, für andere jedoch existenziell verletzend. Dabei spielt eine große Rolle, wer über wen lacht. Eine Lösung wäre, solche Dinge nicht zu zeigen. Ethnologische Sammlungen pflegen einen ähnlichen Usus, wenn es um Objekte geht, die unmittelbar mit der Vitalität von Menschen oder Gesellschaften verbunden sind. Schon vor rund dreißig Jahren hat die universitäre Ethnologische Sammlung in Göttingen ein Schwirrholz aus Australien magaziniert und stattdessen eine leere Vitrine gezeigt, weil eine Ethnie diesen länglichen Gegenstand mit der Potenz männlicher Initianden verband und gegen seine Sichtbarkeit für Museumsbesucherinnen protestierte. Gerade religiöse Dinge werden in ihren Ursprungskontexten oft vor Blicken verborgen. Inzwischen ist dies Teil einer breiten Debatte über die Restitution von Sammlungsbeständen in Richtung der Herkunftsgesellschaften.

Nun könnte man meinen, es blieben noch genug andere potenziell kuriose Dinge üblich. Denn Religionen sind nach heutigem Diskussionsstand keineswegs nur „heilig“, in ihnen selbst wird ebenso viel gelacht wie anderswo, ihre Träger führen ein Alltagsleben mit Gegenständen aller Art. Mit ihnen könnte man eine ganze counter history erzählen: Vasen mit Hirschgeweihen und Alpenpanoramen aus dem Osmanischen Reich, wo es, ähnlich der sogenannten „Türkenmode“ im nördlichen Europa im 18. Jahrhundert, im 19. eine Europa-Mode gab. Es ließe sich die Fluidität kultureller Formate darstellen, wo „Ost“ und „West“ nicht zu trennen sind: fluoreszierende Aufkleber für palästinensische Schulranzen mit Aufdrucken von Schriftzügen Allah und Muhammad – die moderne Variante der traditionellen Kalligraphie.

Aber ist dies „kurios“ oder „skurril“? Und wenn ja, für wen?

In dieser Zuschreibung scheint mir die eigentliche Schwierigkeit für eine religionswissenschaftliche Beteiligung zu liegen. KuratorInnen und Mitarbeitende in einem Museum wissen, dass dies und anderes völlig normal ist, ebenso wie die glücksfördernde solarbetriebene tibetische Gebetsmühle für das Fensterbrett oder die indische Gebetskette mit Dornen zur Steigerung asketischer Energie. Aber Fachleute kennen auch die Mechanismen der Konstruktion von Alterität als Schattenseite der Identität. Dinge werden schnell als „skurril“ eingeschätzt, solange man sie nicht kennt oder selbst nutzt. Eine protestantische Perspektive weist seit der Reformation gerade „kostbaren“ Paraphernalia aus Domschätzen in der Abwertung einer katholischen Tradition keinen Wert zu, Reliquien oder Ikonen gelten als ein falscher Zugang zu Gott. Aus solchen Gründen hat die Religionswissenschaft sich ein Ethos der epoché zueigen gemacht, der Zurückhaltung von eigenen Werturteilen in der wissenschaftlichen Arbeit mit Kulturen, die nicht der eigenen Weltanschauung entsprechen.

Ein Ding kann insofern im kultur- und religionsvergleichenden Sinne nur schwerlich eine „kuriose Sache“ sein. Aus #strangethingschallenge spricht vielmehr ein typisch abendländischer Ansatz der Moderne, es ist die Zuspitzung einer Verobjektivierung passiver Dinge, die sich das handelnde Subjekt zu eigen macht – während traditionelle Kulturen diesen „Gegenständen“ u.U. eine eigene Wirkmächtigkeit zusprechen, sie transportieren oder vermitteln Kräfte (arab. baraka, jap. rei usw.) oder sie sind gar selbst magisch, heilig oder „Gott“.

Eine postmoderne Museologie setzt auf eine Individualisierung der Zugänge zu ausgestellten Dingen. Nicht mehr die Narrative der KuratorInnen, ihre Objektauswahl und Präsentationsstrategie sollen im Vordergrund stehen, sondern die Interessen der Besucher verleihen ihnen neuen Sinn. Die Instagram-challenge folgt diesem durchaus positiv zu bewertenden, demokratischen Ansatz radikal, indem sämtliche Fotos der Objekte gleichgestellt nebeneinanderstehen. Betrachterinnen und Betrachter müssen sich ein eigenes Bild machen, sie können durch den Bestand scrollen, verweilen oder weiterklicken und sich durch ihr Votum ihren eigenen Bestand bevorzugter Gegenstände zusammenstellen.
Es ist nicht uninteressant, dass damit ein Prinzip der abendländischen Museumsgeschichte zum Teil neu auflebt: Die sogenannte Wunderkammer als Sammlung von Privatleuten, die dort sehr subjektiv und noch nicht aufklärerischen, wissenschaftlichen Ordungsschemata gehorchend, Kostbarkeiten und Kuriositäten versammelten, die ihnen gefielen und sie zum Staunen anregten. #strangethingschallenge scheint an dieser Möglichkeit anzuknüpfen. Diese ist per se nicht zu verurteilen, sie führte und führt zu einer Wertschätzung und konkret dem Erhalt bestimmter Kulturgüter. Gleichzeitig bleibt damit die aktuelle Sammlung auf eine weitere Weise in besonderem Maße ihrer eigenen Kultur verhaftet: Diese virtuelle Ausstellung setzt, in einem sehr spezifischen Kulturmuster, in seiner zeitgenössischen Verflechtung mit modernen Medien, auf Visualität und Attraktivität eines Gegenstandes ausschließlich für den Sehsinn. Es sollte klar sein, dass damit Objekte außen vor bleiben, die mit anderen Sinnen wahrgenommen werden: Solche, die Töne erzeugen oder die einen Geruch haben oder die besonders gut haptisch wahrgenommen werden können oder aufgrund ihres Formats gar nicht gut auf ein Foto passen würden. Der derzeit stark diskutierte Ansatz der Inklusion bleibt insofern außen vor: Wie sollen sich an diesem Wettbewerb Menschen beteiligen, deren Sehsinn eingeschränkt ist?

Nicht überraschend entstammen die auf Instagram gezeigten Objekte bisher überwiegend der europäischen Kulturgeschichte. Dabei erhalten die Dinge besondere Aufmerksamkeit, die sexuelle Vorlieben oder der Vergangenheit angehörende Körperpraktiken erahnen lassen, schaudernd an den Tod gemahnen oder niedlich sind. Insgesamt verrät dies weniger über die einzelnen Dinge als über ihre Betrachter und die Mechanismen von Instagram.

Ich bin gespannt, wie sich dies entwickelt. #strangethingschallenge ein interessantes Dokument für kollektive Bewertungen von Gegenständen. Ein religionswissenschaftlicher Beitrag könnte hier anknüpfen und dabei ansetzen, solche Wertmaßstäbe zu hinterfragen. Neugierde („curiosity“) kann im positiven Sinne durchaus als Initialzündung für reflektierte Forschung über öffentliche Präsentation religiös konnotierter Objekte dienen.

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