Kuriosität und Kreativität: Zum vielfältigen Potenzial des Zeigens und Wahrnehmens religiöser Dinge

#strangethingschallenge:
religiöse Objekte auf Instagram?

Ein Beitrag von Prof.in Dr.in Edith Franke und Ramona Jelinek-Menke zum Thema
#strangethingschallenge: religiöse Objekte auf Instagram?

Kuriosität ist keine Eigenschaft von Dingen. Sie ist eine Zuschreibung und hat ihren Ursprung in der Wahrnehmung und Erwartung von Menschen. Genau darum werden Dinge, die wir selbst nutzen oder gar nicht kennen – und daher überhaupt nicht einordnen können – nicht als kurios wahrgenommen. Kuriosität entsteht erst dann, wenn ein Ding unsere Erwartung irritiert – und Erwartungen können wir nur gegenüber dem haben, was wir kennen. Dinge, die uns kurios erscheinen, erinnern uns an Bekanntes, brechen aber unsere Erwartungen. Sie irritieren und stören das bisher plausible Wahrnehmungsschema. Komik oder Kuriosität wird in dem Spannungsfeld erzeugt, das zwischen den Erwartungen, die wir Dingen entgegenbringen, und ihrem Bruch entsteht.

Kuriosität hat daher etwas mit Verfremdung zu tun, also mit dem, was uns verfremdet, nicht den Erwartungen zu entsprechen erscheint. Wenn wir über Fremdes oder Verfremdetes sprechen, dann impliziert das Vorstellungen des Eigenen und des Richtigen. Kuriosität steht also immer in Beziehung mit dem, was uns fremd, unbekannt oder unerwartet erscheint, mit dem, was im Kontrast zum Fremden, als das Eigene identifiziert wird sowie mit dem Vergleich zwischen dem Eigenen und dem Fremden – Kuriosität steht also immer in Beziehung mit der jeweils eigenen Kultur, wenn man so will.

Ist es denn etwas Schlechtes, wenn Dinge uns kurios erscheinen oder wenn wir sie als solche bezeichnen?

Wollen wir ein Bild eines (religiösen) Dings unter dem Hashtag strangethingschallenge auf Instagram posten, erfordert das einige Reflexion: Wir müssen antizipieren, welches Objekt den oben beschriebenen Vorgang bei den Nutzer*innen auslösen könnte. Viele der Nutzer*innen von Instagram nehmen diese Reflexion wohl meistens intuitiv, unbewusst, ad hoc vor. Sie entscheiden vermutlich häufig vor dem Hintergrund ihrer eigenen kulturgebundenen Wahrnehmungen und Einordnungsschemata, was kurios ist und was nicht.

Als Religionswissenschaftler*innen und als diejenigen, die kritische Reflexionen zu ihrem professionellen Alltagsgeschäft gemacht haben, können wir uns bei unseren Aktivitäten auf Instagram und anderswo selbstverständlich nicht einfach von unserer kulturgebundenen Intuition leiten lassen. Es geht bei einer Aktivität wie dieser vielmehr darum, vor dem Hintergrund einer postmodernen, von einer religionswissenschaftlich differenzierten Haltung und breitem religionshistorischen Wissen getragenen Museologie, Dinge zu zeigen, die Wahrnehmungsmuster der Nutzer*innen irritieren und damit Interesse an den Dingen und deren Hintergrund wecken können.

Insbesondere im Medium Instagram und anderer sozialer Medien ist dies kein leichtes Unterfangen: Instagram hat laut Statista mehr als eine Milliarde Nutzer*innen und die meisten von diesen leben in den USA, Brasilien, Indien, Indonesien, Russland, in der Türkei und Japan (Vgl. Statista). In dieser, allein schon geographisch äußerst multiplen Community wird sicherlich sehr Unterschiedliches als kurios wahrgenommen.

Hinzu kommt, dass wir im Bewusstsein religionswissenschaftlicher, postkolonialer und anderer kritischer Ansätze weder religiöse Gefühle verletzen, noch Menschen, Kulturen und ihre Gegenstände exotisieren und zum Objekt abfälliger Belustigung machen wollen. Und wir wollen auch versuchen zu vermeiden, dass Instagram-Nutzer*innen unser Foto zu solchen Zwecken nutzen.

Professionell religionswissenschaftlich auf Plattformen wie Instagram zu agieren ist zweifelsfrei eine große Herausforderung und kann nur unter Berücksichtigung der genannten Maximen erfolgen. Ein einziges Foto muss demnach nicht nur die Erfahrung der Nutzer*innen ansprechen, sondern auch all unserem Wissen und unseren kritischen Reflexionen, mit denen wir ganze Bücherregale füllen, gerecht werden – am besten sollte das Foto anderen dieses Wissen und diese Reflexionen zumindest ein Stück weit vermitteln. Wenigstens aber sollte ein Foto, das wir bei Instagram posten, keine Haltungen transportieren, die wir nicht vertreten (wollen). Das Sujet eines Fotos auf Instagram, so könnte man vielleicht sagen, sollte auf die Alltagserfahrung der Nutzer*innen bezogen sein, die Art und Weise der Darstellung unseren religionswissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden – und gerade dadurch wiederum die Alltagserfahrung irritieren und das Potential entfalten können, zum Nachdenken anzuregen.

So groß diese Herausforderung ist, wir sollten nicht vor ihr zurückschrecken und stets nur im Hintergrund, von der Meta-Ebene aus das Geschehen beobachten und (religions-)wissenschaftsintern analysieren.

Lassen wir einmal die grundsätzliche Frage beiseite, ob man Plattformen wie Instagram, die werbefinanziert sind und datenschutzrechtlich durchaus als problematisch bewertet werden können, überhaupt nutzen sollte, können wir Instagram und Co. als Chance begreifen. Sie bieten zum Beispiel die Chance, mit vielen Menschen in Kontakt zu treten und Interaktionen zu initiieren, in denen Menschen dazu angeregt werden, gesellschaftliche Strukturen und eigenen stereotype Vorstellungen zu hinterfragen. Sie bieten die Chance religionswissenschaftliche Perspektiven Menschen zugänglich zu machen, die aus verschiedensten Gründen nicht in die Religionskundliche Sammlung gehen, Dozierende in universitären Seminarräumen hören und/oder fachwissenschaftliche Journals lesen. Online Plattformen überwinden ganz sicher nicht alle Barrieren, aber doch einige.

Hashtags wie strangethingschallenge können Irritationen erzeugen, die Ausgangspunkt für neue Einsichten sein können. Zwar birgt die kaum zu beeinflussende Verwendung durchaus das Risiko, dass Fotos in einem anderen Sinne als gewünscht verwendet werden können, aber es wird auch die die Möglichkeit eröffnet, dass dort Neues entsteht, wo man es vielleicht nicht erwartet hätte, von jemanden, der*die sonst gar keinen Zugang gehabt hätte. Um diese Möglichkeit zu eröffnen, müssen wir vielleicht jenes Risiko eingehen.

Gegenwärtig richten sich museale Präsentationen häufig an bildungsbürgerliche Eliten, auch wenn es inzwischen vermehrt Ausstellungen (wie die „London Bridge Experience & Tombs“ oder das „Museo dei Serial Killers di Firenze“) gibt, die Gruseleffekte nutzen, um jüngere oder sonst nicht im Museum anzutreffende Besucher*innen anzuziehen. Bei der strangethingschallenge wird in der Tat ebenfalls ein emotionaler Faktor genutzt, um Aufmerksamkeit zu erreichen. Es geht dabei allerdings gerade nicht um eine geschlossene Ausstellung oder das Eintauchen in eine befremdliche Welt, sondern darum, mit dem ungeordneten Nebeneinander verschiedener Dinge idealerweise das Bewusstsein für (religiös-)kulturelle Diversität der Wahrnehmung zu schärfen.

Gerade weil wir als Religionswissenschaftler*innen darin geübt sind, uns in unterschiedliche Perspektiven hineinzuversetzen und diese angemessen darzustellen, können wir zwischen verschiedenen Perspektiven moderieren und neue Zugänge zur Wahrnehmung von Dingen, von religiös-kulturellen Mustern öffnen.

Wir haben die inhaltliche Expertise, aber vielleicht noch nicht viel Knowhow und Erfahrung darin, unsere Expertise in modernen Medien wie Instagram und nicht-akademischen Zusammenhängen wirksam werden zu lassen. Wir sollten aber den Mut haben, uns dieser Kommunikationswege und nicht-akademischer Sprache zu bedienen.

foto: Heike luu

Die Auswahl dieses Fotos kann Teile des oben Beschriebenen verdeutlichen: Worum handelt es sich bei diesem Ding? Mit den üblichen Alltagsgewohnheiten lässt es sich vermutlich überhaupt nicht einordnen. Wir verharren in Ratlosigkeit, es erscheint uns darum auch nicht als kurios. Die Information, dass dieses Ding zum Bestand einer Sammlung von Objekten religiöser Kulturen ist, lässt fragen, welche Bedeutung dieses Objekt in einem religiösen Kontext wohl gehabt haben möge. Kurios wird die Angelegenheit, wenn wir eine weitere Information hinzufügen, nämlich die, dass es sich bei dem gezeigten Ding um ein historisches Bügeleisen aus China handelt. Kurios, weil ein Bügeleisen nicht zu den Erwartungen darüber, was religiöse Dinge sind, passt – und auch nicht dazu, was wir mit der Tätigkeit des Bügelns verbinden. So kann dieses Bild (freilich nur zusammen mit den entsprechenden Kontextinformationen) anregen zu schmunzeln und auch zu fragen, was denn überhaupt mit „Religion“ gemeint ist, wenn ein Bügeleisen in die Bestände der Religionskundlichen Sammlung gelangt. Wer hat es gegeben oder angeschafft? Warum wurde es in den Zusammenhang Religion eingeordnet?

Foto: Maike Sieler

Auch dieses Bild kann zum Schmunzeln und zum Fragen anregen. Dieses Objekt trägt mit den Umrissen der betenden Maria die Verbindung zu Religiösem bereits (für viele Menschen wahrscheinlich erkennbar) selbst in sich. Des Weiteren ist mit der Form einer Scheibe Toast ein weiterer Kontext des Objekts angezeigt, nämlich der des (schnellen, profanen) Frühstücks. Die Erwartungen, die wir mit dem einen und dem anderen haben, passen nicht recht zusammen, lassen uns deswegen Staunen, Schmunzeln und fragen: Hat das (noch) etwas mit Religion zu tun? Was ist denn überhaupt ein religiöses Ding? Was gehört ins Museum? Und kann man das vielleicht auch anders sehen als ich selbst? Damit wäre eine Spur für wissenschaftlich kreativen Wissensdurst gelegt.

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