Können auch Drucke und Bilder religiöse Dinge sein?

Karl-Heinz, 62, Arbeiter im Schaltschrankbau:

Öffnet man die Seite religiöse-dinge.de, wird man von einer Prozession begrüßt, die sich auf dem Bildschirm hin und her bewegt. Zum Glück kann man sie anhalten und die einzelnen Mitglieder dieses Zuges betrachten. Für mich sind sie, bis auf vielleicht eine Ausnahme, Unbekannte. Es ist wohl ein Christuskind mit Strahlenkranz dabei? Durch den Instagram-Account REDIM kann ich ein wenig die Arbeit dieses Projektes verfolgen. Das ist für mich spannend. Die abgebildeten Objekte auf der Startseite sind mehr oder weniger kleine Figuren. Sie haben ein Volumen, somit eine Form. Können auch Drucke und Bilder religiöse Dinge sein? Darüber musste ich in Erinnerung an meinen Großvater nachdenken. In dem Handwerkerhaushalt, Vater und Großvater waren Schmiede, in dem ich aufwuchs, fanden sich nur wenige religiöse Dinge: ein Gesangbuch und eine Bibel.

Als Junge teilte ich mit meinem Großvater ein Zimmer. Unsere Betten standen hintereinander. Über seinem Bett am Kopfende hing an der Wand ein Stahlstich in einem schwarzen Rahmen. Man sah einen verwundeten Soldaten in einem Wald und eine Lichtgestalt mit einer Dornenkrone. – Der auferstandene Christus kommt zu dem Soldaten, der seine Hände gefaltet hat und berührt ihn mit seiner rechten Hand.

Ich sah dieses Bild jeden Tag. Es hat mich beschäftigt und beeindruckt. Oft fragte ich mich, ob es mit dem Leben meines Großvaters zu tun hat. Ich erinnere es nicht mehr, ob wir beide einmal darüber sprachen, was es mit diesem Bild auf sich hat. Viel später erzählte mir meine Mutter, dass mein Großvater als Soldat des 1. Weltkrieges in einem Lazarett lag und die Ärzte ihn aufgegeben hatten.

War das Bild über seinem Bett ein Andachtsbild? War es für ihn ein religiöser Gegenstand? War es seine Art, der sehr still aber auch innerlich, so schien es mir, vergnügt war, seine Dankbarkeit für die Errettung aus großer Not zu zeigen?

Das Bild ist verloren gegangen. Dank der großen elektronischen Suchmaschinen fand ich es wieder. – Als Postkarte, die vermutlich in hoher Auflage gedruckt und verschickt wurde. (Wer hat sie an wen verschickt und zu welchem Anlass?) Bildtitel („Sei getreu bis in den Tod“) und Verwendung der Karte sind für mich befremdlich.

Der Vers aus der Offenbarung des Johannes, der in seinem zweiten Teil „…,so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ fortfährt, ist in diesem Zusammenhang problematisch, wenn nicht gar missbräuchlich eingesetzt worden. Soldaten des 1. Weltkrieges zogen für „Gott und Vaterland“ in den Krieg, in Wahrheit aber für ein Kaiserreich, dass seine Stellung in Europa festigen und seine militärische Vorherrschaft sichern wollte. Dieser Spruch auf der Karte, vermutlich auch auf dem gerahmten Stahlstich über dem Bett meines Großvaters, sollte suggerieren, dass der Tod auf dem Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges ein herausgehobener war.

So finde ich heute dieses Bild, was mich als Junge berührt hat, in einem anderen Kontext wieder. Verliert es dadurch seinen Status als „religiöses Ding“, wenn es denn einen hatte (hat)?

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