Mit Worten aufrütteln: Welche Rolle spielen Religion und religiöse Dinge im Arbeitsalltag einer Redakteurin?

Nadine, 28, Redakteurin:

Schon von weitem kann ich den Kirchturm sehen. Manchmal höre ich in meinem Auto auch den Glockenklang. So gut wie jeden Morgen fahre ich auf dem Weg zur Arbeit am evangelisch-reformierten Gotteshaus vorbei. Religion fasziniert mich, deshalb habe ich Religionswissenschaft auch drei Jahre lang studiert. In meinem Beruf als Redakteurin einer Wochenzeitung komme ich mit ihr mal mehr und mal weniger direkt in Kontakt. Ich denke aber, dass wir in irgendeiner Weise jeden Tag mit ihr zu tun haben, unabhängig davon, ob wir selbst religiös sind oder nicht.

Mein Studium und mein Interesse der Materie gegenüber kommen mir in einigen Situationen meines Arbeitsalltags zu Gute: Wenn wir über die Geschichte und Architektur einer Kirche berichten, wenn ich einen Pastor oder eine Pastorin interviewe, wenn interreligiöse Feste anstehen, wenn wir zu Projekten mit Flüchtlingen eingeladen werden oder bei einer Lesung, in der es um Antisemitismus und der Erfahrung einer Jüdin damit geht. Ich bin in meinem Arbeitsalltag bei weitem noch nicht mit allen Religionen in Kontakt getreten, sehr wohl aber mit einigen der bekannteren: dem Christentum, Judentum, Islam und Hinduismus. Es können noch andere darunter sein, schließlich kann ich den Menschen nur bis vor den Kopf gucken und weiß nicht, an was sie glauben. Sie tragen nicht immer Dinge sichtbar am Körper, anhand derer ihre Religionszugehörigkeit identifiziert werden könnte. Umso wichtiger ist es, jedem offen gegenüber zu sein.

In meinem Arbeitsalltag bekomme ich auch viel von den Sorgen der Menschen zu spüren. Seien es Pastorenstellen, die gestrichen werden, weil die Kirchengemeinde immer kleiner wird und die damit einhergehenden Versuche, wieder mehr Menschen zu animieren, am Gemeindealltag teilzunehmen. Oder Geschichten von Flüchtlingen, denen ihr Glaube auf ihrem Weg geholfen hat. Eine Lesung in diesem Jahr hat mich sehr bewegt: Die evangelisch-reformierte Kirchengemeinde im Ort hat zu einer Veranstaltungsreihe zum Antisemitismus eingeladen. Diese endete mit der Lesung einer jüdischen Autorin. In ihrem Buch ging es um ihr Leben mit den Anfeindungen, die sie zur ertragen hat, weil sie einen bestimmten Glauben hat und obwohl sie damit doch niemanden schadet. Sie berichtete von antisemitischen Sätzen, die ihr manche Menschen an den Kopf werfen, von Freunden, die sich von ihr abgewendet haben, als sie erfuhren, dass sie Jüdin ist. Leider hört man immer wieder davon, dass Menschen angefeindet oder angegriffen werden, weil sie religiöse Symbole, wie die Kippa, sichtbar am Körper tragen. In solchen Momenten frage ich mich, was läuft falsch in dieser Welt? Wieso verurteilen andere Menschen das, woran jemand glaubt? Aus diesem Grund halte ich meinen Beruf für wichtig: Ich möchte aufzeigen, wo Missstände bestehen. Ich möchte erklären, dass Religion nur eine weitere Facette ist, die uns zu individuellen Lebewesen macht und keine Grenze sein muss, die wir nicht überqueren wollen. Ich möchte erreichen, dass meine Leser offener gegenüber anderer Religionen, Weltanschauungen und Lebensweisen werden.

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