Wie begegnen mir religiöse Dinge im Alltag?

Maike, 23, Studentin:

Als Studentin der Religionswissenschaft in Marburg ist natürlich klar, dass mir viele religiöse Dinge in der Religionskundlichen Sammlung der Uni begegnen. Aber auch sonst kann ich machen, was ich will, religiöse Dinge folgen mir auf Schritt und Tritt im alltäglichen Leben – nicht nur im Museum. Religiöse Dinge sind also nicht vollständig ins Museum verband worden. Das passiert zum Beispiel in meinem privaten Umfeld, wenn ich zu meinen Eltern fahre. Dort klopfen immer alle drei Mal mit ihrer Faust auf Holz, wenn etwas gesagt wird, das lieber nicht geschehen soll. Für den Notfall haben meine Eltern dafür sogar ein Stückchen Holz im Handschuhfach ihres Autos liegen.  Aber macht dieses klopfen das Stück Holz, oder den Tisch, oder was auch immer es dann gerade ist, zu einem religiösen Ding? Oder wird das Stück Holz in dem Moment zum religiösen Ding, in dem meine Faustknöchel darauf landen?

Für viele ist die Frage, was ein religiöses Ding denn nun ist und wo es einem begegnet eine ganz persönliche Frage. Manche tragen ein Kreuz um den Hals, da scheint die religiöse Konnotation einleuchtend und wird nicht hinterfragt. Anderen sind ihre Autos nach eigener Aussage „heilig“. Aber werden die hochpolierten Vehikel damit zu religiösen Dingen? Bei Fragen wie diesen, die mich an die Thematik „Fußball als Religion“ erinnern, kommt wieder eine der zentralen Fragen der Religionswissenschaft hervor, auf die bis heute keine Antwort gefunden wurde: Was ist eigentlich Religion, was zählt dazu und was nicht? Ob der heißgeliebte Rennwagen, der jeden Samstagvormittag einer rituellen Waschung bei der nächsten Tankstelle unterzogen wird und dessen Abgaswerte lautstark gegen alle Klimaeinwände verteidigt wird, ein religiöses Ding ist – nun, das hängt wohl mal wieder von der Definition von Religion ab. Und was ist eigentlich mit dem Nudelsieb, das die Pastafaris auf ihren Kopf tragen, ist das ein religiöses Objekt?

Was ich damit sagen will ist, dass vielerlei Dinge für vielerlei Menschen, die wir täglich auf der Straße treffen „heilig“ sein können, auch wenn es einem persönlich nicht immer so erscheinen muss. Ob es nun ein Nudelsieb, oder ein Kopftuch ist, ein wenig mehr Toleranz könnte uns allen nicht schaden.

4 thoughts on “Wie begegnen mir religiöse Dinge im Alltag?

  1. Als Religionswissenschaftlerin ist mir Ihre Forderung sehr vertraut, die ich im Prinzip teile. Allerdings kann es einem bzw. einer auch zuviel werden mit der Religion bzw. der praktizierten Religiosität im Alltag: Wenn ich in universitären (oder anderen) Toiletten während des Ramadans ständig junge Musliminnen antreffe, die sich ihre verschwitzten Füße im Sommer im Waschbecken waschen, weil es ihre Pflicht ist bzw. sie dies so empfinden, kann das schon manchmal nerven… ich will mir die Hände manchmal schlicht schnell und unkompliziert waschen, ohne dabei ständig warten zu müssen, bis sich eine junge muslimische Frau ihre Schweißfüße fertig gewaschen hat und ich nicht ans Becken komme, weil die anderen auch belegt sind. Diese Füßchen und der dazugehörige Sommerschweiß sind mit Sicherheit nicht religiös, aber die rituelle Forderung des Waschens ist es… an die sich manchmal noch das dazugehörige Gebet in einer Ecke der WC-Anlage anschließt… Wenn man sichergehen könnte, dass der entsprechende Segen auch auf weitere anwesende “Ungläubige” überschwappt…, aber das weiß wahrscheinlich wieder nur der liebe Gott (oder ein entsprechend geschulter Imam)…
    Es nervt im Arbeitsalltag, wenn es beispielsweise in Arztpraxen Probleme gibt mit der Medikation, weil sehr strenge Religiöse keine medizinisch erforderlichen flüssigen Medikamente einnehmen, die auf Alkoholbasis gemacht werden, oder weil das Hormonpräparat auf der Basis von Schweinehormonen hergestellt wurde – was manche religionsferne Mediziner nicht wissen bzw. berücksichtigen. Oder wenn eine muslimische Frau bei der gynäkologischen Untersuchung Stress auslöst durch die Forderung, eine weibliche Begleitperson bei der Untersuchung anwesend zu haben, obwohl es in der Regel üblich ist, dass die Sprechstundenhilfe oder Assistentin ohnehin im Behandlungszimmer mit anwesend ist und Hilfeleistungen bzw. Handreichungen durchführt. All dies wird bestimmt von der Religion bzw. dem religiösen Forderungs- und Vorschriftenkatalog, erschwert aber zuweilen den entsprechenden Arbeitsalltag.
    Als eine Nonne bei einem Aufenthalt zum “Kloster auf Zeit”, (einfach anvisiert, um innerlich zur Ruhe zu kommen und sich zwei Wochen lang auszuklinken aus dem Alltag) mir täglich nach dem Mittagessen eine geschlagene Stunde auf den Zahn fühlte, um herauszufinden, wo denn meine “religiöse Ader” verborgen war und sich durch mein Inneres schlängelte, war ich nach fünf Tagen so genervt, dass ich das Ganze abbrach. Von “innerlich zur Ruhe kommen” konnte keine Rede sein; es war das komplette Gegenteil, täglich ausgequetscht zu werden wie eine Zitrone, ohne auch nur einen zufriedenstellenden Satz als Antwort geben zu können. So waren in diesem Fall beide Seiten enttäuscht, und damit blieb dieser Versuch bisher ein einzelner. Die Enttäuschung war in diesem Fall beidseitig.

    1. Liebe Frau Harwazinski,

      mit Verlaub, Ihre Schilderungen erscheinen mir übertrieben und dramatisierend. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass Sie von allen diesen unterschiedlichen Begebenheiten, die Sie schildern, selbst betroffen sind, sodass Sie davon so sehr persönlich genervt sein könnten.
      Sie dürfen sich selbstverständlich persönlich von etwas genervt fühlen und das auch äußern. Aber die Art und Weise wie Sie das hier tun gefällt mir persönlich nicht. Ich empfinde Ihren Zynismus unpassend und Ihre pauschale Unterstellung von Schweißfüßen grenzwertig. Ich möchte Sie dringend bitten, unsere Netiquette in Ihren Kommentaren zu berücksichtigen: https://www.uni-marburg.de/de/zir/redim/netiquette
      Ich halte Ihren Kommentar des Weiteren nicht nur aus persönlichen, sondern auch als fachlichen Gründen problematisch: Ein zentraler Grundsatz der Religionswissenschaft ist es, sich neutral gegenüber religiösen Aussagen und Praktiken zu verhalten. Wie gelingt es Ihnen, diesen Grundsatz umzusetzen, wenn Sie persönlich so genervt sind?

    2. Sehr geehrte Frau Jelinek-Menke,
      vielen Dank für Ihren kritischen Kommentar. Mir ist selbst seit einiger Zeit aufgefallen, dass man bestimmte “realia” unter manchen Religionswissenschaftlern offenbar nicht oder kaum thematisieren darf. Zu dieser Gruppe gehöre ich nicht, denn ich habe zahlreiche praktische Alltagserfahrungen (wie übrigens auch einige Andere, die nicht “rein wissenschaftlich” arbeiten, sondern mit menschlichen Realitäten konfrontiert werden, vor allem bei der Arbeit) und finde, dass man durchaus auch Unangenehmes, Negatives thematisieren darf. Die andere Seite tut dies auch. Von “präventivem Verschweigen” halte ich nicht viel, aber ich habe Verständnis dafür, dass Ihnen (oder Anderen) dies nicht gefallen mag. Im Alltag gibt es wenig Neutralität, da muss man hie und da Position beziehen, sonst funktioniert nichts mehr.

    3. Von Verschweigen habe ich ja nicht gesprochen. Es ging mir vor allem um die Art und Weise WIE Sachverhalte beschrieben werden.

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